N. Ammermann
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Besprechung 1

Forts. Schneider & Wirringa

Edina Schneider führte in ihrer Dissertation Interviews mit 17 HauptschülerInnen, die kurz vor dem Erwerb des mittleren Schulabschlusses standen, durch. Zwei Jahre nach dem ersten Interview wurde mit den SchülerInnen ein zweites Interview geführt. An zwei Beispielen werden in diesem wissenschaftlichen Aufsatz Vorgehen und Ergebnisse verdeutlicht.
So entwickelt sich Martin in der Hauptschule zu einem leistungsstarken Schüler. Wichtig sind dabei die Erfahrungen sozialer Wertschätzung im SchülerInnen-LehrerInnen-Netz. Da aber das schulische Selbstbild des erfolgreichen und intelligenten Schülers als mit der Hauptschule inkommensurabel erscheint, entwickelt Martin Strategien. um diese kognitiven Dissonanzen aufzuarbeiten. Zum einen wertet er die eigene Hauptschule gegenüber anderen Hauptschulen auf. Zum anderen titelt er den von ihm besuchten Schultyp in seiner freien Rede um, spricht von weiterführender Schule. Da obendrein seine Familie materiell gut abgesichert ist, ist er auf diese Weise vor einer Negativzuschreibung der Schule als Statusdegradierung geschützt.

Mareike Wirringa führt in ihrer Dissertation Jurij an,

der im Alter von 5 Jahren mit den Eltern aus Turkmenistan nach Deutschland emigrierte und nach einer Klassenwiederholung in der Grundschule seine Deutschkenntnisse so gut verbessert, daß er auf das Gymnasium wechseln kann. Dieses muß er nach einem Wiederholungsjahr und Wahl der dritten Fremdsprache verlassen und wechselt (da die Realschule ihn ablehnt) auf eine Hauptschule, was er als Abstieg konstruiert.
So präsentiert Martin einen "a-typischen" Hauptschüler, während Jurij typische Kriterien wie Migrationshintergrund, absteigende Schulkarriere und materielle Grenzen des Elternhauses auf sich vereint und den Hauptschulbesuch als "biografisches Rätsel" konstruiert. Beide Schüler stehen vor der Aufgabe, angesichts eines abgewerteten leistungs- und prestigearmen Bildungsortes ihr eigenes Selbstbild zu behaupten.

Die Autorinnen weisen auf die Bedeutung subjektiver Selbstbildkonstrukte von SchülerInnen hin, die den Schulort Hauptschule als bildungsfern erscheinen lassen und entsprechend eigene Selbstbilder ausloten müssen. Von diesen subjektiven Perspektiven weiß man noch zu wenig.
Meines Erachtens wäre die Bearbeitung milieuspezifischer Sichtweisen direkt am Schulort im schülerInnen / LehrerInnen-Netz zu erarbeiten.