N. Ammermann
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Einführung

Ständisch geprägte ...

... Gesellschaften hatten sehr deutlich voneinander unterschiedene Milieus (in Deutschland zum Beispiel Klosterinsassen oder evangelische Pfarrhäuser, Hof- oder Gutsadel, Offiziere, Gelehrte, Handwerker, Schauspieler bis hin zum Fahrenden Volk), die sich zerstreut auch heute noch finden. Seit den 1960er-Jahren fand der Begriff in Deutschland durch Mario Rainer Lepsius Eingang in die politische Kulturforschung und insbesondere in eine historisch orientierte Erforschung des kulturell überformten Wahlverhaltens. Lepsius unterschied für die Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik vier große sozial-moralische Milieus.

* das konservativ-protestantische Milieu
* das liberal-protestantische Milieu
* das sozial-demokratische Milieu
* das katholische Milieu

Vor allem seit den 1980er Jahren nahm die Bedeutung des Konzepts zu. Gerade in der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte hat es deutlich an Gewicht gewonnen. Es wurde geradezu zu einem Nachfolgeparadigma für zu materialistische Ansätze. Dazu trug nicht zu letzt Karl Rohe mit einer an Max Weber orientierten Interpretation bei. An ihre Stelle traten zahlreiche unterschiedliche Lebensstile und andere Merkmale sozialer Differenzierung. Für den Außenstehenden etwas verwirrend ist, dass sich auch die Lebensstil- und Ungleichheitsforschung seit den 1980er Jahren immer stärker auf den Milieubegriff zurückgreift, damit aber etwas ganz anderes als die "historischen Milieus" meint. Die Lebensstilforschung geht davon aus, dass durch die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaften und die Individualisierung der Lebensstile die vormals enge Verknüpfung zwischen sozialer Lage und Milieus entkoppelt wird, auch wenn soziale Milieus weiterhin nach Status und Einkommen hierarchisch eingeordnet werden können. Das Konzept der sozialen Milieus wurde in der Wahlforschung und in der Marktforschung aufgegriffen und weiterentwickelt. Hier werden unterschiedliche, empirisch gewonnene Milieutypologien verwendet und mit Einstellungen in Verbindung gebracht, die bestimmte Konsumorientierungen und Wahlverhalten hervorbringen. Soziale Milieus beschreiben hier Menschen mit jeweils charakteristischen Einstellungen und Lebensorientierungen. Sie fassen, ganz allgemein gesprochen, soziale Gruppen, also Menschen zusammen, deren Wertorientierungen, Lebensziele, Lebensweisen – und damit auch ihre zentralen Konsummuster - ähnlich sind. Die Milieuanalyse zielt auf den ganzen Menschen, versucht also nicht, wie z. B. die herkömmliche Gesellschaftsanalyse, ein einziges oder einige wenige objektive Merkmale (z.B. Schichtzugehörigkeit, Berufsgruppe) typisierend zu verdichten. Umgekehrt isoliert sie auch nicht ein einziges oder einige wenige subjektive Merkmale des Alltagslebens, Geschmacks oder des Lebensstils, um Markt und Gesellschaft als strukturlose Agglomeration kurzatmiger Moden und Geschmackskulturen erscheinen zu lassen. Die Milieuforschung versucht vielmehr alle jene – subjektiven wie objektiven – Merkmale empirischer Analyse zugänglich zu machen, die die soziokulturelle Identität des Menschen konstituieren (Wertorientierungen, soziale Lage, Lebensziele, Arbeitseinstellungen, Freizeitmotive, unterschiedliche Aspekte der Lebensweise, alltagsästhetische Neigungen, Konsumorientierungen, usw.).
(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Soziales_Milieu )